Samstag, September 01, 2007

Wie soll es nur weiter gehen?


Heute geht es wieder groß durch die Presse: die Pflegesituation in Deutschland ist wieder in große Kritik geraten. Alte, kranke Menschen, die von ihren Familien in die (scheinbar) liebevollen, fürsorgenden und kümmernden Hände eines Pflegeheims gegeben wurden, verdursten, verhungern und liegen sich wund.
In mir kommen Bilder hoch, Bilder, die sich in meiner 9jährigen Karriere als Altenpflegerin in meinem Kopf eingebrannt haben.
Aber ich möchte weiter ausholen, um vielleicht Verständniss zu schüren, Verständniss für die Menschen, die hinter den Kulissen arbeiten.
Menschen, gerade alte Menschen pflegen und betreuen ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Es ist kein Job, den man einfach so macht, den man nebenher machen kann oder den man nur mit halben Herz ausüben kann. Aber die Bedingungen in Deutschland sind und bleiben, trotz großer Bemühungen, einfach katastrophal. Eine Dienstschicht im Heim beginnt um sechs Uhr morgens. Die Bewohner wollen versorgt und gepflegt werden, sie wollen gewaschen und ernährt werden, wollen vielleicht auch einmal ein nettes Wort ernten, in den Arm genommen werden und wollen ein offenes Ohr für ihre, durchs Alter bedingte Probleme, haben. Nur leider sieht es SO aus: drei Schwestern für 40 Bewohner. Zeitdruck. Unterbesetzung. Doppelschichten. Wochenendedienste. Überlastung. Ein Chef, der das Jahr mit einer guten Bilanz abschließen will. Gesetze, die einem auferlegen, ALLES zu dokumentieren. Und wer bleibt auf der Strecke? Der alte Mensch, der nichts anderes möchte, als einen glücklichen Lebensabend verbringen, noch etwas Freude haben möchte und sich nicht auf dem Abstellgleis sehen möchte. Doch der Staat, das Land Deutschland schafft es einfach nicht, die Pflege zu reformieren. Es ist immernoch wichtiger Protokolle zu führen, Dokumentationen auszufüllen und Berichte anzufertigen. Als "Schwester" ist man mittlerweile mehr Bürokraft als helfende Hand, mehr Sekretärin als fürsorgende, begleitende Person. Resultat? Es ist keine Zeit für die einfachsten Verrichtungen, die ein altes Leben angenehm machen könnten. Auf dem Lagerungsplan steht zwar, das der kranke, alte Mensch alle zwei Stunden in seinem Bett gedreht wurde, in Wirklichkeit geschah das nur alle drei Stunden und der Mensch liegt sich wund. Immer mehr Ärzte verordnen Beruhigungsmittel, damit der alte, kranke Mensch "ruhig" ist und sich besser ins Stationsbild einfügt und die Schwestern mehr Zeit für die Büroarbeit haben. Es werden "4-Liter Windeln" entwickelt, das man die alten Menschen nicht mehr so oft zur Toilette begleiten muß, denn das kostet ja Zeit. Es werden Magensonden gelegt, denn Essen per Hand reichen kostet ja Zeit und Arbeitskraft.
Aber nicht die Schwestern sind die schwarzen Schafe. Ihnen sind die Hände gebunden, sie sind nur die ausführende Kraft, die die Anweisungen von ganz oben befolgen, befolgen MÜßEN. Das Problem liegt an viel höherer Stelle...
Wie traurig, gerade in einem Staat, in dem es immer mehr alte Menschen geben wird. In Würde altern? In Deutschland meines erachtens kaum noch möglich.
Das alles ist der Grund, warum ich meinen erlernten Beruf an den Nagel gehängt habe. Vielleicht habe ich zu hohe Ideale, vielleicht bin ich zu sehr revuluzerin, vielleicht habe ich ein zu reines Gemüt um diese Kriminalität am Menschen mit meiner Arbeitskraft weiter zu unterstützen.
Deutschland geht in meinen Augen unter, wenn nicht ENDLICH etwas getan wird. Oder wer, liebe Leser, würde seine Mutter, seinen Vater heutzutage noch guten Gewissens in ein Pflegeheim unterbringen?????? ICH nicht...

Trine*